21. Mai 2014

Kritik am Kirchentag: Messianische Juden nicht ausschließen

Ralf Albrecht fordert Rücknahme eines Präsidiums-Beschlusses

Korntal. Ralf Albrecht, Vorsitzender der Christusbewegung „Lebendige Gemeinde“ und Dekan in Nagold, hat den Beschluss des Präsidiums des Deutschen Evangelischen Kirchentags kritisiert, messianischen Juden die aktive Mitwirkung zu untersagen. Er forderte das Präsidium dazu auf, diesen Beschluss zurückzunehmen und nannte die Entscheidung „falsch, unnötig und beschwerlich“.

Das Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentags hatte im Januar im Anschluss an einen Studientag beschlossen, messianische Juden von der aktiven Mitwirkung am Kirchentag 2015 in Stuttgart auszuschließen. Dabei handelt es sich um Juden, die an Jesus als den Messias Israels glauben. In dem Beschluss heißt es unter anderem, die messianisch-jüdischen Gemeinden seien „theologisch und institutionell weder der jüdischen noch der christlichen Gemeinschaft zuzurechnen“. Nach Angaben des Präsidiums existieren seit Mitte der 1990er Jahre entsprechende Gemeinden mit bundesweit derzeit rund 1.000 Mitgliedern überwiegend ukrainischer und russischer Herkunft.

Ralf Albrecht kommentierte gegenüber der evangelischen Nachrichtenagentur idea die Entscheidung wie folgt:

 „In aller Kürze: Die Entscheidung, entsprechende Gruppierungen nicht zur aktiven Teilnahme am Kirchentag 2015 zuzulassen, ist falsch, unnötig und beschwerlich.
 
Die Entscheidung ist falsch. Es geht nämlich überhaupt nicht um in einem hetzerischen Sinn „extremistisch-missionarische“ Gruppen, die von der aktiven Teilnahme am Kirchentag ausgeschlossen werden. Die nun wiederum ausgeschlossenen Gruppierungen arbeiten nach unserem Wissen und unserer Kenntnis in jeder Hinsicht im Rahmen der Grundlinien unserer württembergischen Landeskirche. Württembergische Pfarrer sind in entscheidenden unterstützenden Gremien leitend aktiv. Alles geschieht auf dem Boden des Evangeliums und unserer Ordnungen.

Es geht um Glaubensgeschwister, die für sich beanspruchen, sich zugleich weiterhin als zu diesem Volk Israel gehörig bezeichnen zu wollen – es geht um „messianische Juden“. Sie sind unsere Geschwister, und einen Ausschluss müssen sie auch als Kritik an ihrer Identität erleben – das ist unangemessen.
 
Die Entscheidung ist unnötig, weil eigentlich gerade die Teilnahme am „Markt der Möglichkeiten“, um die es im Kern zunächst geht, eine ganz niederschwellige Frage darstellt. Der Markt der Möglichkeiten, so wie er beim Kirchentag konzipiert ist, taugt nicht als Instrument, um Gruppen auszuschließen. Er soll nach Willen des Kirchentags vor allem ein Mittel der Ermöglichung sein, was an den entsprechenden Teilnehmendenlisten der Kirchentage ja auch abzulesen ist.
 
Die Entscheidung ist beschwerlich. Wir sind im evangelikalen Bereich mit ganz hoher Sensibilität im Blick auf die besondere Beziehung zum Volk Israel unterwegs. Viele israelfreundliche Werke machen dies mehr als deutlich. Viele, die sich zu unseren Bewegungen zählen, sind ausgewiesene Freundinnen und Freunde des Staates Israel – einige haben sogar entsprechende Preise und Auszeichnungen überreicht bekommen. Die Solidarität mit Israel ist in unseren Reihen oft wesentlich höher als in den Reihen mancher, die jüdisch-messianische Gruppen heftig kritisieren, aber eine wenig sensible politische Nähe zu unangemessenen Forderungen aus dem Bereich der palästinensischen Autonomie haben.
Eine noch einmal ganz andere Sache ist die Frage, inwiefern der messianische Anspruch Jesu uns zwar im christlich-jüdischen Dialog trennt, aber nichtsdestotrotz deswegen nicht einfach eliminiert werden kann.
 
Positiv zu sehen ist: Messianisch-jüdische Bewegungen als solches werden wahrgenommen. Es wird im Rahmen des Kirchentags 2015 immerhin ein Podium zum Thema stattfinden. Dies begrüßen wir sehr und fordern, dass bereits bei der Vorbereitung dieses Podiums messianisch-jüdische Gruppierungen und Unterstützergruppen auf Augenhöhe beteiligt werden. Nur so kann diese Frage geistlich angemessen aufbereitet werden.
 
Wir boykottieren den Kirchentag nicht. Wir treten nicht ab, wir treten nicht aus, wir treten nicht nach, wir stehen auf. Wir fordern, diese falsche, unnötige und beschwerliche Entscheidung zurückzunehmen. Und wir werden uns weiterhin so beteiligen, dass wir beim Kirchentag mit unserem Profil auftreten. Gewinnend, unmissverständlich, klar. Angefangen beim Christustag auf dem Kirchentag am Donnerstag, 4. Juni 2015.“

Der Christustag ist eine evangelische Bibel- und Glaubenskonferenz an Fronleichnam mit über 50jähriger Tradition. In 2015 findet diese Konferenz erstmals im Rahmen des Stuttgarter Kirchentags statt. Verantwortet wird die Konferenz von der württembergischen Christusbewegung „Lebendige Gemeinde“.

Diese Bewegung ist ein landeskirchliches Netzwerk von Personen aus Kirchengemeinden, Jugend- und Gemeinschaftsverbänden, Missionswerken und freien Initiativen. Das Netzwerk veranstaltet u.a. gemeinsam den Christustag an Fronleichnam und unterstützt die württembergische Synodalgruppe „Lebendige Gemeinde“, der auch Ralf Albrecht als Landessynodaler angehört. Zudem engagiert sich Ralf Albrecht als Mitglied im Hauptvorstand der Deutschen Evangelische Allianz.

In 2014 wird der Christustag von einem breiten Trägerkreis als bundesweites Ereignis in der Mercedes-Benz Arena in Stuttgart ausgerichtet. Der Tag gilt als einer der Meilensteine innerhalb der Reformationsdekade der EKD. Die Veranstalter erwarten an Fronleichnam rund 20.000 Besucher im Stadion.