„Wer mir dient, muss mir auf meinem Weg folgen.“
Joh 12,26 BasisBibel.de

Bericht von der Frühjahrstagung der 15. Landessynode in Stuttgart vom 16.-18. März 2017

Bischofsbericht zum Reformationsjubiläum, Kirche im ländlichen Raum, PfarrPlan 2024

„Vierfach evangelisch“ – Bischofsbericht zum Reformationsjubiläum, Sonderthementag „Kirche im Ländlichen Raum“ und der PfarrPlan 2024 standen in der Mitte der Frühjahrssynode. Vom Donnerstag, 16. März, bis Samstag, 18. März 2017, tagte das Kirchenparlament im Hospitalhof Stuttgart.

Bericht des Landesbischofs: Vierfach evangelisch

Landesbischof July (Bild: EMH/Gottfried Stoppel)

Landesbischof Dr. Frank Otfried July gab einen Überblick über die Veranstaltungen zum Reformationsjubiläum. „Christusfest – Christus in der Mitte“ – das sei der Grundton der Feierlichkeiten dieses Jahres. Und gerade in diesem Jahr sei die Kirche sehr stark gefragt: Was ist typisch evangelisch? In diesem Zusammenhang erinnerte er an den kürzlich verstorbenen Landesbischof Theo Sorg, der 1991 in seinem Bischofsbericht fragte: „Sind wir schon evangelisch?“ Und orientierte sich dabei an den vier reformatorischen „Soli“ – allein der Glaube, allein die Gnade, allein die Schrift, allein Christus.

Landesbischof July sprach für die Evang. Landeskirche in Württemberg von einer festen Verbundenheit mit der Bibel. Sie sei eine kraftvolle Gabe, Quelle und Maßstab des christlichen Glaubens. Die Bibel setze ganz andere Worte und einen ganz anderen Geist als den der Hetze und Gewalt, dem Kirche entschieden entgegentrete. Und sie gibt Impulse dafür, gerade in der heutigen digitalisierten Welt das Evangelium zu kommunizieren. Die evang. Kirche in Württemberg habe deshalb vielbeachtet in der EKD ein eigenes Digitalisierungskonzept aufgelegt. Kirche sei Auslegungsgemeinschaft der Bibel, auch in strittigen Kontroversen. Über die entsprechenden Debatten dürfe nicht die kirchliche Einheit und Gemeinschaft aufgegeben werden.

Weiter führte July aus: „In unseren Dialogen und Trialogen mit anderen Religionen kommen wir erst dann weiter, wenn wir Jesus Christus nicht ausklammern. Solus Christus – mit diesem Bekenntnis muten wir als Christen unseren Gesprächspartnern durchaus etwas zu.“

Konkret wandte sich Bischof July gegen Abschiebung von Flüchtlingen nach Afghanistan; gegen Tendenzen bei den vorgeburtlichen Schwangerschaftsuntersuchungen, die vorgeburtliches Leben auf evtl. Behinderungen durchscreenen. Er wandte sich gegen Lockerungen der aktuell strikten Verbote der aktiven Sterbehilfe. Und er mahnte in der aktuellen politischen Debatte klare Abgrenzung an gegen populistische Parolen, die politische Stimmung auf dem Rücken der Schwachen aufheizen wollten.

Tobias Geiger
Tobias Geiger

Für den Gesprächskreis „Lebendige Gemeinde“ benannte Tobias Geiger die Prägung unserer Kirche als von der Bibelfrömmigkeit des Pietismus stark beeinflusst. Er bedankte sich ausdrücklich, dass die vier Soli dem Bischofsbericht seine innere Mitte geben. Diese vier „allein“ seien im „Supermarkt“ des „Gemischtwarenladens“ so vieler Veranstaltungen und Themen des Reformationsjubiläums die „Grundnahrungsmittel“. Und er stellte zur Frage nach dem „Allein die Schrift“ fest: „Nicht wir legen das Wort der Schrift nach bestem Wissen und Gewissen aus“, sondern „die Bibel legt uns aus, indem sie uns durch Zuspruch und Anspruch des Evangeliums in eine Gemeinschaft der begnadigten Sünder stellt“. Dieter Abrell betonte den großen Beitrag zur Auslegung der Bibel durch die Gemeinschaften und Hauskreise und regte an, diese Initiativen kirchenweit zu befördern, wertzuschätzen und neue Aufbrüche dieser Art anzuregen. Gemeinschaftsverbände seien sicher gerne beteiligt, sich dort aktiv in der Verkündigung zu beteiligen, wo da und dort Gottesdienste etc. zusammengelegt und gestrichen werden müssten. So könne man dem Anliegen, die Bibel zu verkündigen, besser gerecht werden.

Und Simon Hensel fügte den Gedanken an, dass die Formel „allein aus Glaube“ auch mit beinhalte, das Geschenk des Glaubens persönlich anzunehmen und sich von Herzen anzueignen. Deshalb habe die missionarische Verkündigung hohe Priorität.

Land in Sicht – Zukunft von Kirche in den ländlichen Räumen

Dr. Thomas Schlegel (Bild: EMH/Jens Schmitt)

Auf Antrag der „Lebendigen Gemeinde“ beschäftigte sich die Synode mit dem Thema „Ländlicher Raum“ mit einem eigenen Schwerpunkttag. Andrea Bleher, Vorsitzende des Vorbereitungsgremiums, wies auf die Wichtigkeit des ländlichen Raums für das kirchliche Leben hin. Dort sind viele Menschen sehr verbindlich und erwartungsvoll mit Glaube und Kirche unterwegs. Und längst nicht nur, aber auch in landwirtschaftlichen Verhältnissen und kleinen Einheiten von Gemeinden, die weiträumig verstreut liegen und doch je in sich ein sehr lebendiges Gemeindeleben zeigen. Der Thementag will dem Land eine Stimme geben. Und auf Stimmen hören, die Anregungen geben, was für Kirche auf dem Land wichtig wird.

Dr. Thomas Schlegel von der Evang. Kirche Mitteldeutschland prognostizierte: Kirche im ländlichen Raum – deren Herausforderungen heute sind die großen Themen der Kirche von morgen insgesamt. Strukturelle Anpassung allein (Schrumpfung, Zusammenlegung …) ist kein echter Weg. Was aber ist die Alternative? Kirche verändert sich langfristig sehr stark. Ressourcenverknappung lässt Kirche nicht allein „verschrumpeln“. Schlegel: „Eine Mandarine ist keine verschrumpelte Orange.“ Ehrenamtliche werden zunehmend zum „Gesicht der Kirche“. Es entstehen neue Veranstaltungskonzepte und innovative Wege, Außenstehende zu erreichen. Beispiele dafür sind mobile Jugendarbeit durch umherfahrende Busse, Andachtsprojekte Ehrenamtlicher, vernetzte Dorfkirchenveranstaltungen in der Region, zentrale Events für die Region (Camps, Rüstzeiten), multifunktionale Kirchennutzung – Kirchen werden zu Themenkirchen. Es entstehen „Häuser der Begegnung“. Kirche kann neue missionarisch-touristische Angebote schaffen. Diese neuen Aufbrüche reagieren auf lokale Gegebenheiten, nutzen die dort einzigartig gegebenen Ressourcen. Innovationen können aber auch in Freiräumen und Brachen entstehen. Menschen vor Ort entscheiden maßgeblich, was in Zukunft wird. In diesem Sinn ist Kirchturmdenken positiv. Es schafft Identifikation und Engagement. Leitwert ist „Nähe“, der „Kiez“. Kirche versorgt nicht mehr einfach, sondern sie wird Dienstleisterin neuer Aufbrüche. 

Unterstützung neuer Aufbrüche und Gemeindeformen

Matthias Hanßmann

Oberkirchenrat Wolfgang Traub erklärte nochmals die Notwendigkeit des PfarrPlans als Instrument der Anpassung kommender Entwicklungen im Bereich demografischer Wandel und langfristiger weiterer Entwicklungen. Er bezeichnete den PfarrPlan als alternativlos.

Der Vorsitzende des Sonderausschusses Strukturen, Matthias Hanßmann (LG), betonte die Notwendigkeit zur Weiterentwicklung dieser ganzen Instrumente hin zu einem „Gemeindeplan“. Es sei integriert weiter zu entwickeln, wie Gemeinde in Zukunft aussehen kann, anstatt nur Zahlen zurückzubauen. Damit dies geschehen kann, seien bereits jetzt viele Begleitmaßnahmen gebündelt worden – in der Summe von bis zu 100.000.000€. Es braucht damit Ressourcen und Zeit, um von einem PfarrPlan 2024 zu einem Konzept und Bild Kirche 2030 zu kommen.

Philippus Maier sprach im Gesprächskreisvotum für die Lebendige Gemeinde von einer „schmerzlichen Notwendigkeit“. Allerdings sollte die Umsetzung – trotz zurückgehender Zahlen im Pfarrdienst und bei den Gemeindegliedern – im Vertrauen auf den Herrn der Kirche und getreu unserem Auftrag geschehen, das Evangelium zu verkünden.

Ulrich Hirsch rief in der Diskussion hochemotional dazu auf: „Die Kirche muss im Dorf bleiben.“ Und ergänzend wurde bemerkt: Kirche bleibt im Dorf, wenn auch in veränderter Gestalt. Siegfried Jahn riet zur geistlichen Haltung: Gemeinde wird durch Christus erhalten. Martin Wurster brachte die Idee ein, dass Gemeinschaften, freie Werke und Verbände dort unterstützen können, wo pfarramtliches und gottesdienstliches Leben vor Ort zurückgeht. Ralf Albrecht verwies darauf, ein großes Maßnahmenpaket zur Mitgliedergewinnung und -bindung auf den Weg zu bringen.

Matthias Hanßmann brachte für die Gesprächskreisleitungen einen großen Antrag zur Reform von Verwaltungsstrukturen ein.

Und in einer mehrstündigen, hochintensiven Debatte resümierte Andrea Bleher: Nur in der Summe von Vision für Kirche und Orientierung an ihrem Auftrag und in der Summe von verschiedenen Maßnahmen gelingt die große Aufgabe der Umbaumaßnahmen, von denen der PfarrPlan ein Bereich, ein Instrument ist. Der PfarrPlan wurde mit sehr großer Mehrheit in der Synode verabschiedet.

Weiteres in Stichworten:

  • Der Evangelische Ausländerseelsorge e.V. werden aufgrund der derzeitigen Flüchtlingssituation ab dem Haushaltsjahr 2017 für fünf Jahre in Folge weitere 50.000€ pro Jahr zur finanziellen Unterstützung ihrer seelsorgerlichen Arbeit für die Kommunikation des Evangeliums in Wort und Tat gewährt.

  • In der „Aktuellen Stunde“ beschäftigte sich die Landessynode mit dem neuesten Kopftuchurteil des Europäischen Gerichtshofs. Arbeitgeber haben unter bestimmten Gegebenheiten die Möglichkeit, religiöse Symbole zu verbieten. Der Synodale Thomas Wingert gab seiner Befürchtung Ausdruck, dass es hierdurch zu einem weiteren Schritt hin zur Säkularisierung des öffentlichen Raums kommt. Er rief dazu auf, dies als Kirche intensiv zu beobachten und darauf zu achten, dass aktiv gelebter Glaube nicht aus der Öffentlichkeit ausgegrenzt wird.

  • Im Blick auf eine Grunddiskussion zur zentralen Anstellung im Diakonat gab Ralf Albrecht einen Überblick über die Geschichte des Diakonats. Er sei mit seinem besonderen Profil entstanden in einer „Zeit, da sich ein Murren erhob“, und habe dieses Murren gelöst. Nicht ausgelöst. Albrecht rief dazu auf, heute Modelle zu finden, die genau dies wieder erreichen: Problemlösung. Hierfür sei die zentrale Anstellung eine, nicht die einzige Möglichkeit. Besonders sei die moderne Ausprägung des speziellen Gemeindediakonats mit Wortverkündigung mit im Blick zu behalten.

     

Bericht: Andrea Bleher / Ute Mayer / Ralf Albrecht