„Geht in die ganze Welt hinaus. Verkündigt allen Menschen die Gute Nachricht.“
Mk 16,15 BasisBibel.de

Bericht von der Frühjahrstagung der 15. Landessynode in Stuttgart vom 8.-10. März 2018

Frühjahrstagung der Synode: Einander sehen - neue Taufagende

Entscheidende Themen der Landessynode im März waren dieses Mal der Bischofsbericht zum Thema „Einander sehen“ und die neue Taufagende. Vom Donnerstag, 08.03. bis Samstag 10.03. tagte das Kirchenparlament im Hospitalhof Stuttgart.

Bericht des Landesbischofs: Einander sehen

Landesbischof July (Quelle: elk-wue.de/EMH)

„Da wurden ihre Augen geöffnet“ (Lukas 24,30) – ausgehend von der Emmausgeschichte entfaltete Landesbischof July seine Sicht auf Kirche und Gesellschaft derzeit.

Er rief die Synode dazu auf, nicht in den Einzelzellen der eigenen Milieus und Meinungen der Gesprächskreise zu verharren, sondern aufeinander zuzugehen.

Man müsse noch mehr „eine Kirche des Betens und Hörens“ werden, um Überzeugungskraft in Kirche und Gesellschaft zu gewinnen. Kirche sei „mehr als eine Filterblase Gleichdenkender“. Eine Gemeinschaft, personale Beziehungen seien wesentlich. „Wir leben nicht aus uns selbst“, sondern von Gott angesehen und bejaht. Das Gebet sei der Ort, in dem die Augen geöffnet werden – ein Geschenk, das aus der Gemeinschaft mit dem Auferstandenen wächst. So sind und bleiben wir füreinander Geschwister in Christus, was immer uns sonst trennen mag.

Bischof July wies im Blick auf das „Einander sehen“ auf die Tendenz hin, dass man sich in der Kirche immer weniger begegne – eine Tendenz, die sich aus der Verdichtung von Zeit und Aufgaben und Herausforderungen ergibt. In der strategischen Planung komme man im Blick auf diesen Megatrend sehr schnell auf die Digitalisierung als Weg und Aufgabe. Sie diene auf allen Ebenen dazu, Ressourcen effektiv zu nutzen und mit den freien Ressourcen zu klären, wie das Evangelium in aller Breite verkündigt werden kann, auch im digitalen Raum. Wir stehen als Kirche im Blick auf Kommunikation an einem Scheideweg. So wirkt sich Digitalisierung auf das Bild von Kirche selbst aus – Netzwerkstrukturen von Kirche prägen sich aus. Digitalisierung soll diese Nähe und Offenheit der Kommunikation neu eröffnen. Und sie kann eines nicht ersetzen: analoge Kommunikation in der direkten Begegnung von Menschen. Das paulinische Motto gelte: Prüfet alles, und das Gute behaltet. Ethische Prüfkriterien für die Digitalisierung können von daher sein: das biblische Menschenbild (der Mensch von Gott angenommen), gelebte Nähe des Evangeliums, gestärkte Kommunikation des Evangeliums und Gemeinschaftsstärkung (keine Vereinzelung in kleine Gruppen).

Einheit der Kirche ist eine ihrer wesentlichen Konstitutionsbedingungen, nicht ein moralischer Appell.

In unserem Land seien die öffentlichen Erwartungen an Kirche weiterhin sehr hoch. Sie wartet auf gelingende Formen gelebter Gemeinschaft. Beispielhaft kann dies geschehen durch die Unterstützung von Familien. Hier hat die Landeskirche ein breites Aktionsprogramm aufgelegt.

Im Blick auf den PfarrPlan dankte Landesbischof July den Ehrenamtlichen besonders, die sich in Gremien und Ausschüssen in langen Gesprächsprozessen für zukunftsfähige Kompromisse eingesetzt haben. Es werde den Gemeinden viel zugemutet. Der PfarrPlan war und ist eine enorme Aufgabe, die auch in den kommenden Jahren großer Anstrengungen bedarf. Der Abschied von gewohnten Verhältnissen tut weh. Es bedarf gerade in den ländlichen Räumen hier vieler Abwägungen, wie auch zukünftig Pfarrversorgung in der Fläche und öffentlichkeitswirksame Arbeit gelingen kann. Eigenes Loslassen und Aufnehmen des anderen sei dabei eine geistliche Haltung.

July ging auch auf die weltweit leidende Kirche ein. Er rief dazu auf, diese Geschwister im Blick zu behalten, ihnen beizustehen und für sie zu beten. Solche Einblicke rückten auch die eigenen Eindrücke zurecht.

Im Blick auf die synodale Entscheidung zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare rückte Landesbischof July zurecht: Diese Entscheidung sei gegebenes Recht – sich daran zu halten, sei Teil der Einheit der Kirche. Gleichzeitig sehe er sich verpflichtet, bestätigt und ermutigt, an dieser Frage weiter zu arbeiten. In diesem Sinne sei das „Einigungswerk noch nicht abgeschlossen“. Einheit der Kirche müsse bewahrt, das Recht gestärkt und neue Wege eröffnet werden. Es bestehe in der Landeskirche weiter ein enormer Gesprächsbedarf, der Brücken baue und nicht Gräben vertiefe.

Tobias Geiger, Sielmingen

Im Votum für den Gesprächskreis „Lebendige Gemeinde“ sprach Tobias Geiger von der Aufgabe der kirchlichen Einheit: Wir sind gemeinsam „angesprochen als von Christus Angesehene, die durch das Evangelium zueinander in Beziehung gesetzt sind. Wir sollen einander erkennen als Geschwister Christi, die in aller Verschiedenheit etwas widerspiegeln von seiner Liebe. Diese Einheit können wir nicht machen, aber wir dürfen sie uns schenken lassen. Und wir wachsen in dieser Einheit im gemeinsamen Gebet und im Hören auf das Wort der Bibel. Gerade die Bibel ist es, die uns in den Blick Gottes stellt und uns Jesus vor Augen stellt, und deshalb haben wir uns ihrem Zuspruch und ihrem Anspruch zu stellen.“

Neue Taufordnung und Taufagende

Hans Veit, Knittlingen

Ein Mammutwerk dieser Landessynode kam nun zur abschließenden Beratung und zum Beschluss: die neue Taufordnung und die dazu gehörende Taufagende.

Entscheidende Neuerungen sind neben der Einfügung eines grundlegenden „Taufmoduls“ in die unterschiedlichsten gottesdienstlichen Anlässe und der Möglichkeit des „Untertauchens“ die Eröffnung verschiedener Freiräume in so unterschiedlichen Zusammenhängen von Taufen.

Hans Veit nahm für die Lebendige Gemeinde u.a. so Stellung: „Das Angebot der Taufe in verschiedenen Lebensphasen braucht so etwas wie eine Willkommenskultur. Sie ist Gottes Einladung in den weltweiten Leib Christi und in die konkrete Ortsgemeinde. Deshalb begrüßen wir, dass die Erkenntnisse der Milieuforschung Eingang in die Agende finden. Dass Tauffeste extra benannt und als Chance beschrieben werden, sehen wir sehr positiv. Auch die Möglichkeit der Immersionstaufe ist eine Neuerung, die wir sehr begrüßen. Wir denken nicht, dass diese Ermöglichung eine Welle von Immersionstaufen auslöst. Doch wenn wir in allen unseren theologischen Verlautbarungen betonen, dass die Taufe Jesu das Vorbild für unser Taufen heute sein muss, dann darf auch diese Form ihren Platz in unserer Kirche haben. Sie ist für manche Jugendliche oder junge Erwachsene eine Brücke. Wichtig ist uns, dass die Zeremonie, wie Luther die äußere Form nennt, nicht das Wichtigste ist. Daher können wir auch sehr gelassen mit dieser Neuerung umgehen. Sie wird in der Taufpraxis eine Ausnahme, für manche Menschen eine hilfreiche Form sein.“

Am Ende wurden die neue Taufordnung und -agende mit überwältigender Mehrheit (bei zwei Enthaltungen) beschlossen.

Aktuelle Stunde: Ist der Sozialstaat in der Krise?

Horst Haar, Tübingen

In der aktuellen Stunde befasste sich die Landessynode mit dem Thema: „Ist der Sozialstaat in der Krise? - Was kann unsere Kirche tun, dass weniger Menschen Tafeln in Anspruch nehmen müssen?“

Die Entscheidung der Essener Tafel, nur noch Deutsche als Neukunden aufzunehmen, hat in der letzten Woche eine hitzige Debatte in Deutschland ausgelöst. Während zuerst über Diskriminierung ausländischer Bürger und der Angst älterer Tafel-Nutzerinnen bei der Essensausgabe diskutiert wurde, wird die Diskussion nun auf einer anderen Ebene weitergeführt: Warum sind in einem so reichen Land wie Deutschland überhaupt so viele Menschen egal welcher Herkunft auf Lebensmittelspenden angewiesen? Die Tafeln sind überlastet, Ehrenamtliche am Limit.

Welche Rolle hat die Kirche in diesem Konflikt? Können wir etwas beitragen, die Schere zwischen Arm und Reich zumindest ein Stück zu schließen? Wie gehen wir mit Ehrenamtlichen um, die Tafeln überhaupt erst ermöglichen?

Horst Haar dankte für die hohe Leistung der Ehrenamtlichen und bemerkte, dass leider die Tafeln nicht mit ihrer guten Arbeit, sondern nun im Rahmen einer „Schlagzeile“ in die Medien kamen. Tafeln und Vesperkirchen seien nur eine Teil-Entgegnung im Blick auf Armut und besonders ihren seelischen Verkümmerungsaspekt. Tafeln und Vesperkirchen wirkten der Einsamkeit und Stigmatisierung entgegen und zeigten ein Stück gelebte Nächstenliebe. Sie könnten aber nicht den Sozialstaat ersetzen, sondern haben ihm gegen Armut in den Ohren zu liegen.

Intervention und Prävention im Blick auf sexualisierte Gewalt

Die Gleichstellungsbeauftragte unserer Kirche berichtet: Die Evangelische Landeskirche widmet sich diesem Thema intensiv – und ist mit einer „Unabhängigen Kommission“ unterwegs, um hier Betroffenen beizustehen. So steht es der Kirche gut an, moralische Schuld anzuerkennen und das Opferleid öffentlich zu machen und zu helfen, wo immer es geht. Wiedergutmachung ist nicht möglich, aber Leidanerkennung. Es muss hier immer noch mehr geschehen, als bisher geschehen ist. Und es sind vermehrt wirksame Präventions- und Schutzkonzepte zu entwickeln. Prävention muss als verbindliches Thema für Führungskräfte anerkannt sein- und in die Fort- und Weiterbildung aller Berufsgruppen eingehen. Die „Anlaufstelle sexualisierte Gewalt“ spielt neben der Prävention eine entscheidende Rolle – es braucht eine geregelte Ansprechbarkeit und ein Beschwerdemanagement im Akutfall.

Franziska Stocker-Schwarz, Stuttgart

Die Synodale Franziska Stocker-Schwarz dankte für die gute, wertvolle Arbeit der Kommission. Jede Person, die Opfer sexualisierter Gewalt wurde und wird, sei eine Person zu viel und jedes Opfer eine Person, deren Leid tief zu Herzen gehe. Alle Anstrengungen, hier zu begleiten, seien richtig und notwendig. Im Blick auf die Förderung von Geschlechtergerechtigkeit fragte sie nach dem Verhältnis der personellen Besetzung von Frauen- und Männerarbeit in unserer Landeskirche. Männer und ihre Rolle und Aufgabe gerade in der Familienarbeit bräuchten Begleitung und Unterstützung. Außerdem sei es auch eine entscheidende Frage in unserer Gesellschaft, welcher Wert der Familienarbeit und der Kindererziehungszeit zugemessen würde. Und Andrea Bleher mahnte an, dass Familienförderung und ausdifferenzierte, flexible Berufs- und Arbeitsmodelle sehr gute Instrumente zur Frauenförderung seien.

Reformationsjubiläum

Im Abschlussbericht und der sich anschließenden Diskussion wurde herausgehoben, was im Reformationsjahr besonders gelungen war bei großen und kleinen Events. Es ist gelungen, ein Christusfest zu mit vielen Christen aus unterschiedlichen Konfessionen in der Ökumene zu feiern. Kirchenmauern zu verlassen, um Menschen mit dem Evangelium zu begegnen, führte zu guten Beziehungen in Gesellschaft, Kultur und Politik, die weiter zu pflegen sind. Ralf Albrecht lobte, dass die neue Lutherbibel als Altarbibel in jeder Kirchengemeinde liegt. Die Tagungen der Kirchengemeinderäte auf Kosten der Landeskirche gehören ebenso zur Erfolgsgeschichte des Jahres 2017, betonte Hans Veit. Und Michael Fritz fragte: Hat dieses Jahr dazu geführt, dass wir vertiefter beten und die Bibel lesen? Dann sei es ein gutes Jahr gewesen.

Partnerschaft, Ehe und Familien stärken

Werner Baur (Bild: EMH/Gottfried Stoppel)

Oberkirchenrat Werner Baur stellte im Plenum der Synode ein kirchliches Gesamtprogramm für Familie vor. Leitende Handlungsstränge dafür: Partnerschaft und Ehe, Elternschaft und Erziehungsverantwortung, Familie als Verantwortungsgemeinschaft und Mehrgenerationenort sowie Familienstärkung durch die verschiedensten kirchlichen Dienste in Bildung und Diakonie. Er wünschte dem Projekt keine zeitlich befristete Geschäftigkeit in Themenrunden, sondern Kirche auf dem Weg zu den Menschen, die ihnen so zum Segen wird. Mit diesem Projekt brachte Dezernent Baur zum letzten Mal vor seinem Ruhestand ein Thema in die Synode ein. Die „Lebendige Gemeinde“ dankt ihm für seinen langjährigen hochkompetenten Dienst in der Leitung des Bildungsdezernates. 

Weiteres in Stichworten:

  • Matthias Hanßmann stellte für die Lebendige Gemeinde den Antrag, dass das Pietistenreskript zum 275-jährigen Jubiläum im Oktober 2018 weiterentwickelt wird. Besonders sollen dabei Fragen der Kirchensteuerzuweisung für Gemeinschaftsgemeinden und ein geordneter Rahmen für neue Aufbrüche und alternative Gemeindeformen berücksichtigt werden.
  • Auf eine Anfrage der Lebendigen Gemeinde zur Bedeutung des konfessionellen Religionsunterrichts antwortete Bildungsdezernent Werner Baur u.a.: „Lasst uns dafür Sorge tragen, dass der bekenntnisgebundene Religionsunterricht nicht auf ein lediglich werteorientierendes Fach reduziert wird. Lasst uns dafür Sorge tragen, dass Religion nicht privatisiert und aus dem öffentlichen Raum gedrängt wird. Bildung braucht Religion und Religion braucht Bildung. Dafür steht der bekenntnisgebundene Religionsunterricht mit seinem einmaligen Rechtskonstrukt, das auch uneingeschränkt für den konfessionell-kooperativ erteilten Religionsunterricht gilt.“
  • Initiativen und Einrichtungen gegen Prostitution werden mit zusätzlichen Finanzmitteln gefördert – so der Beschluss der Landessynode. So wird auch das „HoffnungsHaus“ des Evangelischen Gemeinschaftsverbandes „Die Apis“ für drei Jahre mit je 25.000€ bezuschusst.
  • Für Baumaßnahmen von Kirchengemeinden, die das Thema „Barrierefreiheit“ zum Inhalt haben, werden nach Beschluss der Synode im Ausgleichstock 5 Millionen zusätzlich zur Verfügung gestellt.
  • Zum 01. Advent 2018 wird die Revision der Perikopenreihen für die Predigt in der EKD eingeführt. Die Frage ist, wie Württemberg mit dieser Revision umgeht. In der Aussprache dazu mahnte Ralf Albrecht: Jetzt braucht es eine schnelle und zugleich tiefgreifende inhaltliche Diskussion der Textvorschläge – und eine substanzielle Arbeit an der Perikopenordnung.
  • Der Vorsitzende des Strukturausschusses, Matthias Hanßmann berichtete vom Beratungs-Projekt „SPI“ (Struktur, Pfarrdienst, Immobilien). So könne auch der PfarrPlan mit grundsätzlicheren Lösungen im Bereich der Strukturen deutlich besser bewältigt werden.

Bericht: Andrea Bleher / Ute Mayer / Ralf Albrecht