„Christus selbst ist unser Friede.“
Eph 2,14 BasisBibel.de

Bericht von der Herbsttagung der 15. Landessynode in Stuttgart vom 27.-30. November 2017

Angespannte Zeiten

Zeiten hoher Spannung zwischen Ewigkeitssonntag und Advent – und mehr. Davon war die diesjährige Landessynode im Herbst geprägt. Pfarrer Matthias Hanßmann rief im Eröffnungsgottesdienst mitten in spannenden Zeiten auf: „Gott malt sein Hoffnungsbild: unsere Ewigkeits- und Adventshoffnung. Wir enden nicht im Chaos. Wir gehen nicht auf ein Ende zu, sondern auf ein Ziel. Gottes Bild vom Ende der Welt begründet eine neue Wirklichkeit. Eine sinnhafte, zielsteuernde Wirklichkeit. Unsere Perspektive wandelt sich. Wir wischen nicht einfach unsere Vergangenheit in Staub. Und wir sind nicht dem Vergessen preisgegeben. Nein: Wir sind Lebende. Es steht einer dafür – dass wir errettet werden. Der, der von sich sagt: Ich lebe, und ihr sollt auch leben.“

Strategische Planung des Oberkirchenrats

Maike Sachs, Ute Mayer

Landesbischof July und Direktor Werner brachten die strategische Planung des Oberkirchenrates gemeinsam ein.

Anstelle von Jahreszielen wird in Zukunft von Scherpunktsetzungen gesprochen werden, denn verschiedene strategische Schwerpunkte sind nicht einfach in einem Jahreszeitraum abzuarbeiten.

Schwerpunktsetzungen sind nach Überlegungen im OKR:

  • In der Wertediskussion Präsenz zeigen;
  • Ehe und Familie stärken;
  • Digitalisierung gestalten;
  • Personalwesen im Oberkirchenrat überprüfen, weiterentwickeln, ggf. verbessern;
  • Ein zukunftsfähiges Kommunikationskonzept für die Landeskirche erarbeiten.

Ute Mayer und Maike Sachs für die „Lebendige Gemeinde“ stärkten in ihrem Gesprächskreisvotum dem Oberkirchenrat den Rücken, wenn es um strategische Grundziele der Digitalisierung und der Förderung von Ehe und Familie geht. Ehe und Familie als Orte der Geborgenheit und der Weitergabe des Glaubens bedürfen großer Unterstützung. Dies kann mit folgenden Maßnahmen geschehen: Durch einen ausgearbeiteten landeskirchlichen Musikplan für verschiedene Generationen von klein auf, einen Aktionsplan Mitgliederbindung und Mitgliedergewinnung, Ehekurse und ein analoges und digitales „christliches Hausbuch“. Präsenz in der Wertediskussion geschehe vor allem durch eine gute Kinder- und Jugendarbeit: „Wir sollten Orientierung anbieten durch gut fundiertes Bibelwissen und damit Glaubenswissen. Ein unerlässliches Pfund, mit dem es in dieser Frage zu wuchern gilt, ist die personale Vermittlung von Bildung, die Zehntausende ehrenamtlich Engagierter in der Kinder- und Jugendarbeit Woche für Woche leisten. Dabei lernen nicht nur Kinder und Jugendliche Entscheidendes – auch die Mitarbeitenden, selbst oft noch Jugendliche und Heranwachsende, werden geprägt und gefestigt.“ Neue Formen einer mixed economy von Kirche in den großen Prälaturstädten wurde als messbares Ziel innerhalb von zehn Jahren gefordert. Die Verstetigung neuer Aufbrüche werde helfen, dass Kirche, die anders aussieht in Zukunft, ihre Zuversicht weiter behält.

Tabea Dölker forderte, die Kindertagesstätten in evangelischer Trägerschaft massiv zu unterstützen und zukunftsfähig zu machen. Dazu gehöre: Weiterentwicklung des ev. Profils und der religionspädagogischen Begleitung; finanzielle Unterstützung für die professionellere Verwaltung und die wachsenden pädagogischen Anforderungen; Anpassung der Biberacher Tabelle um einen Kindertagesstättenfaktor.

Matthias Hanßmann benannte „innovatives Handeln“ als ein grundlegendes strategisches Ziel. Wo immer neue Aufbrüche aufwachsen, sei es geboten, diese zu wollen, zu fördern und nicht zu blockieren.

Kirchliche Segnung gleichgeschlechtlicher Paare

Dekan Ralf Albrecht
Dekan Ralf Albrecht

In kontroverser, spannungsvoller Diskussion wurde zunächst von der „Offenen Kirche“ ein Gesetzentwurf eingebracht, der die „Kirchliche Trauung für alle“ forderte (die Lösung der badischen Landeskirche). Dieser wurde bereits in erster Lesung mit 36 Ja-Stimmen, 59 Nein-Stimmen und 2 Enthaltungen abgelehnt – und ist somit vom Tisch.

Der Oberkirchenrat brachte danach einen Gesetzesentwurf ein: „Kirchliches Gesetz zur Einführung einer Ordnung der Amtshandlung anlässlich der bürgerlichen Eheschließung zwischen zwei Personen gleichen Geschlechtes, der Begründung einer eingetragenen Lebenspartnerschaft oder der Umwandlung einer Lebenspartnerschaft in eine Ehe“. Damit würde eine eigene Form der kirchlichen Begleitung ermöglicht, in Form einer neuen Kasualie, die sich von der kirchlichen Trauung unterscheiden soll sowie Kirchengemeinden und Pfarrpersonen in ihrem Gewissen schützen soll, die diese neue Form nicht unterstützen.

Im Gesprächskreisvotum führte Ralf Albrecht aus:

Der Gesprächskreis Lebendige Gemeinde will fünf Grundlinien festhalten, um dann daraus die sich unseres Erachtens für unsere Kirche hier und jetzt ergebenden Konsequenzen zu ziehen.

1. Die Bibel – das Wort Gottes an uns

Wir achten die Bibel als Gottes Wort, auf das wir hören und dem wir im Leben und Sterben vertrauen. Die Heilige Schrift allein ist der Maßstab für all das, was wir glauben und verkünden. Sie ist „Regel und Richtschnur“ für unsere Lehre und für unser Leben. Aufgrund der Bibel glauben wir an Jesus Christus als die Wahrheit in Person und bekennen uns zum dreieinigen Gott. Im Ringen um das rechte Verständnis der Schrift halten wir Unterschiede aus, die es nicht nur in unserer Kirche, sondern auch innerhalb des Pietismus immer gegeben hat und bis heute gibt. Wir wissen um die Begrenztheit unserer eigenen Erkenntnis. Unsere eigene Auslegung findet im Verständnis der Brüder und Schwestern immer wieder eine hilfreiche Korrektur. In diesem Sinne sind wir als Kirche „Auslegungsgemeinschaft“. Auf diesem Weg ringen wir immer wieder neu um den historischen Literalsinn und seine Bedeutung für uns heute.

2. Die Ehe – eine Stiftung Gottes für unser Leben

Wir bekennen uns unverändert dazu, dass Gott den Menschen als Mann und Frau geschaffen hat. Ehe und Familie als Modell von Mann und Frau mit einzigartigem institutionellem Charakter, angelegt auf ein ganzes gemeinsames Leben in Treue, ist für uns DAS Zukunftsmodell unserer Gesellschaft und auch im 21. Jahrhundert die leitende und unüberholt attraktivste Form menschlichen Zusammenlebens.

3. Unsere kirchliche Tradition hier in Württemberg

„Menschen brauchen Verlässlichkeit. Die Heilige Schrift bezeugt, wie Mann und Frau in der Ehe und wie Kinder in der Familie einen Schutzraum haben, in dem sie Verlässlichkeit erfahren und lernen. Darum stehen Ehe und Familie unter Gottes ausdrücklichem Segen und seinem schützenden Gebot (1. Mose 1,26f; 2,18.24; 2. Mose 20,12 u. 14, Matthäus 19,4-6)“.  So sagt es die Entschließung der Landessynode der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, vom 08. Juli 2005. Diese Worte spiegeln unsere württembergische Prägung wider, die maßgeblich vom landeskirchlichen Pietismus mit beeinflusst ist.

4. Gleichgeschlechtlich Empfindende in der Gemeinde

Jesus liebt Menschen, die gleichgeschlechtlich empfinden. Das steht. Fest. Eindeutig. Gleichgeschlechtlich Liebende haben selbstverständlich einen Raum in unserer Kirche und in unseren Gemeinden wie alle anderen auch. Ihnen gilt die Liebe Gottes gleichermaßen ohne Vorbedingung. Das soll in unseren Gemeinden und Gemeinschaften erfahrbar sein. Homosexuelle erleben das oft anders; hier tragen wir Schuld, gerade auch als „Fromme“. Und hier haben wir eine große Aufgabe, es besser zu machen.

Das andere aber bleibt dabei für uns genau so wahr: Gott segnet die Ehe von Mann und Frau in besonderer Weise. Der Trausegen ist ein einzigartiger Segen für die eheliche Gemeinschaft von Mann und Frau. Er kann darum nicht auf eine andere Lebensform eins zu eins übertragen werden.

5. Spannungen aushalten in einer Kultur der Barmherzigkeit

In unserem Miteinander wollen wir aufeinander hören und Spannungen bewusst aushalten. Dabei leitet uns die Liebe Jesu Christi, die sich Menschen vorbehaltlos zuwendet. Wir brauchen den klaren Standpunkt der Gebote Gottes und das weite Herz seiner Liebe. So wollen wir für die biblische Wahrheit eintreten und eine Kultur der Barmherzigkeit leben.

Aus diesen fünf Grund-Überlegungen heraus kommen wir zu folgendem Ergebnis als Gesprächskreis Lebendige Gemeinde:

Der Gesprächskreis hat sich intensiv mit den Vorschlägen des Kollegiums befasst. Schon die Ermöglichung eines ergebnisoffenen Prozesses, z.B. am Studientag, wurde positiv erlebt.

Mit großer Wertschätzung hat der GK wahrgenommen, dass das Alleinstellungsmerkmal des kirchlichen Ehebegriffs in der vorgestellten Ordnung bekenntnisgemäß festgehalten wurde.

Auch dass die Gewissensbindung aller Pfarrerinnen und Pfarrer gewahrt werden soll, wurde als starkes Moment der Vorlage erlebt.

In der Wirkung (nicht in der Absicht!) ist eine neue Kasualie ein falsches Zeichen. Dies betrifft insbesondere die Frage der Segnung in einem öffentlichen Rahmen, in einem Gottesdienst. Eine dafür nötige Zweidrittelmehrheit für eine neue Kasualform ist daher im Plenum der Synode nicht zu erwarten.

Der Gesprächskreis Lebendige Gemeinde hat eine interne Arbeitsgruppe eingesetzt und ist bereit, konstruktiv an einer seelsorgerlichen Begleitung im pastoraltheologisch verantworteten Raum mitzuarbeiten.

Nach einer hochintensiven Debatte sprachen sich 62 Synodale für die Einführung einer Amtshandlung aus, 33 waren dagegen, es gab eine Enthaltung. Die notwendige Zweidrittel-Mehrheit für die neue Kasualie wurde nicht erreicht.Der Gesprächskreis Lebendige Gemeinde hat über den vorliegenden Gesetzesentwurf einer neuen Amtshandlung intensiv beraten. Die Synodalen der LG haben um eine Entscheidung gerungen und dann frei nach ihrem Gewissen abgestimmt. Einige haben dem Entwurf des Oberkirchenrats zugestimmt, eine Mehrheit dagegen. Ein entscheidender Gesichtspunkt in der Debatte für die LG war, dass die Gemeinden mit den Fragen der Einführung einer neuen Kasualie befasst und belastet worden wären. Wir sehen als LG die Herausforderung unserer Kirche, die pastoraltheologische Begleitung gleichgeschlechtlicher Paare weiter zu entwickeln und neue Handlungsmöglichkeiten zu eröffnen. Daran arbeiten wir weiter konstruktiv mit.

Haushalt 2018

Michael Fritz

Wieder steht die Kirche vor einem guten Einnahmejahr. Oberkirchenrat Dr. Martin Kastrup ging in seiner Einführungsrede besonders auf die enormen Veränderungsprozesse ein, die durch dieses anvertraute Geld mutig angegangen werden können. Dabei warb er besonders für eine Kirche, die Digitalisierung als ganz großes Thema erkennt und entsprechend reagiert.

Michael Fritz als Finanzausschussvorsitzender stellte besonders die Aufgabe der Kindertagesstättenarbeit heraus. Hierfür seien zusätzliche Mittel nötig – zunächst einmal ein 10 Mio.-Euro-Programm, dann aber auch eine Neubetrachtung der gesamten Geldverteilung für die Kirchengemeinden (sogenannte „Biberacher Tabelle“). Es solle ein Kindergartenfaktor eingerechnet werden – und auch andere Anpassungen seien an der Zeit. Und das mehr eingegangene Geld gebe Spielräume: Im Jahr 2018 faktisch auch und ab 2019 stetiger wird der Verteilbetrag um jeweils 4% gesteigert.

Andrea Bleher von der Lebendigen Gemeinde knüpfte am Reformationsjubiläum an und bemerkte: „Mit starken Gemeinden in die Jahre 500plus. Die Gemeinden sind an der Basis – und zwar unabhängig davon, ob für die einzelne Gemeinde alles bleibt, wie es war – die Menschen in den Gemeinden und Pfarrer/innen sind vor Ort nahe bei den Menschen – und dort muss für die Freiheit gesorgt sein, für das Privileg, Christus allen zu verkünden. Dazu dienen alle Überlegungen finanzieller und struktureller Art. Der Pfarrplan der im Moment in allen Bezirkssynoden verhandelt wird schmerzt uns. Wir wollen mit allen Mitteln zur Abmilderung beitragen. Für uns gehört dazu, dass wir uns vehement dafür einsetzen, Frauen und Männer über andere Zugänge fürs Pfarramt zu gewinnen. An der Stelle ist ein Ausbau notwendig und eine Öffnung zu weiteren Möglichkeiten.“

Weiteres in Stichworten:

  • Kirchenrat Klaus Rieth schilderte die Verfolgungssituation in vielen Ländern dieser Welt, besonderen Fokus legte er diesmal auf die Situation in Indonesien. Auch wies er darauf hin, dass 65 Millionen auf der Flucht sind, 3.000 Menschen auf der Flucht im Mittelmeer ertranken und 20.000 Menschen an Libyens Küste dahin vegetieren, weil sie davon abgehalten werden, nach Europa zu kommen. In den Irak und nach Syrien kehren viele Christen noch nicht zurück, weil für ihre Sicherheit auch nach Rückzügen des IS nicht garantiert werden kann. Viele wollen in ihre Heimatdörfer in Syrien zum Wiederaufbau, und hierfür muss alles getan werden, damit hier Schutz gewährleistet werden kann. In Afghanistan haben wir eines der wenigen Länder dieser Welt vor uns, in dem es offiziell keine Christen gibt, und in dem keine Kirchengebäude existieren. Und nun hat Pakistan sogar noch begonnen, afghanische Flüchtlinge abzuschieben.

  • Die anstehende Erneuerung der Taufordnung und Taufagende wurde diskutiert und zustimmend zur Weiterarbeit an die Ausschüsse zurückgegeben. Entscheidende Neuerungen - neben viel Kontinuität: es gibt ein sogenanntes „Tauf-Modul“, das bei vielen unterschiedlichen Gottesdienstformen und Anlässen Anwendung finden kann: Hauptgottesdienst, eigene Taufgottesdienste, Sondergottesdienste … Und es soll (mit klaren Rahmenrichtlinien) ermöglicht werden, dass Heranwachsende und Erwachsene durch Untertauchen getauft werden können.

  • Neue Aufbrüche: Oberkirchenrat Heckel schilderte den Weg und die Ergebnisse dieses Projekts, das mit Dr. Martin Brändl personell besetzt war. Er resümierte: „Eine der zentralen Aufgaben der Kirchen wird es in Zukunft sein, eine größere Vielfalt an Sozialformen auszubilden, um wirklich Kirche für das ganze Volk sein zu können und dadurch dem Auftrag gerecht zu werden. Die finanzielle Unterstützung der Projekte kann eine große Hilfe sein, vor allem als Ausdruck der Wertschätzung dieser Initiativen. Viel wichtiger ist jedoch die Vernetzung verschiedener Arbeitsbereiche, die durch die Projektpfarrstelle geschieht. […] Die Herausforderung des Evangeliums führt zu einer neuen Aufmerksamkeit für die Kirche vor Ort, einer diakonalen Kontextbezogenheit und einem Aufbruch in die Lebenswelten. […] Ich bin gewiss, dass wir hier auf einem guten Weg sind, unseren Auftrag zu erfüllen und das Evangelium zu allen Menschen zu bringen.“
    Nun geht dieses Projekt mit einem Anschluss-Programm weiter: „Innovatives Handeln und neue Aufbrüche“.

  • Geschäftsführende Pfarrstellen und deren Einstufungen: Dank eines Antrags der LG ist es nun möglich geworden, dass der Oberkirchenrat auch kleinere geschäftsführende Pfarrstellen auf dem Lande aus landeskirchlichem Interesse in P2 statt P1 einstuft. Dies wird die Attraktivität des ländlichen Raums in dieser Hinsicht erhöhen.

     

Bericht: Andrea Bleher / Ute Mayer / Ralf Albrecht