„Christus selbst ist unser Friede.“
Eph 2,14 BasisBibel.de

Bericht von der Sommertagung der 15. Landessynode in Stuttgart vom 6.-8. Juli 2017

Mittelfristige Finanzplanung, Personalstrukturplanung, Reformationsjubiläum

„Um Gottes Willen – Barmherzigkeit!“ - In Reutlingen, der Stadt, die zusammen mit Nürnberg die einzige freie Reichsstadt war, welche das Augsburger Bekenntnis 1530 unterzeichnete, tagte im Sommer die Landessynode zum Reformationsjubiläum. Der Markteid 1524, eine riesige Demonstration auf dem Marktplatz, stellte die Stadt als eine der ersten zur Reformation. Beinahe 500 Jahre später fragte das Kirchenparlament, welchen Mut, welche Überzeugung und welche Geradlinigkeit es heute braucht, zum Evangelium zu stehen. Denn heute ist Reutlingen eine vielfältige Großstadt wie viele andere auch – z.B. mit 40% Bevölkerungsanteil mit Migrationshintergrund.

Mittelfristige Finanzplanung

Michael Fritz

Finanzdezernent Dr. Kastrup rief im Rahmen der grundsätzlich weiter guten Finanzlage dazu auf, die Kapitaldeckung der Altersversorgung noch stärker in den Blick zu nehmen.  Nur so sei zu gewährleisten, nicht zu viel der finanziellen Lasten auf die Zukunft zu verschieben.

Einen großen finanziellen Schwerpunkt setzt die Landeskirche mittelfristig im Bereich der Familien. Dazu gehören z.B. die Förderung von Familienzentren, Konfi-3-Arbeit, Eheberatung, ev. Mutter-Kind-Kurarbeit sowie dem Ausbau des EJW-Freizeitheims Kapf. Außerdem führte Dezernent Kastrup aus, welche Anstrengungen im Bereich der Digitalisierung zu unternehmen seien. Lieder-App und E-Learning-Plattform sowie die Weiterentwicklung von PC-im-Pfarramt sowie Gemeindebaukasten hin zu einem gemeinsamen digitalen Kirchenplanungstool erweisen sich hier als entscheidende Projekte in nächster Zeit.

Der Vorsitzende des Finanzausschusses, Michael Fritz, sprach sich nochmals für maßvolles finanzielles Planen aus. Wer dies im Blick behalte, sei kein „Angsthase“, sondern plane Finanzen so, dass auch die kommende Generation Spielräume besitze. Zusätzlich schlug er vor, im Blick auf die Kirchensteuerverteilung einen „Kindergartenstrukturfaktor“ einzuführen, um die Kindergartenarbeit, die schwerpunktmäßig sehr unterschiedlich über die Landeskirche verteilt ist, langfristig finanziell abzusichern.

Rudolf Heß rief die Synode im Votum der LG dazu auf, nicht wegzusehen, sondern den Mitgliederrückgang als ernste Herausforderung auch für die mittelfristigen Finanzen zu sehen. Dabei sei Kirche von der Basis her zu gestalten: Mut haben und Mut machen.

Personalstrukturplanung Pfarrdienst

Dekan Ralf Albrecht
Dekan Ralf Albrecht

Personaldezernent OKR Wolfgang Traub stellte die möglichen langfristigen Entwicklungen der Pfarrerzahlen vor. Dabei fiel im Blick auf die vergangene Vorstellung der Personalstrukturplanung in der Synode auf, dass die Zahl der Aufnahmen in den Pfarrdienst weiter nach unten korrigiert wurde. Dies sei dem fortschreitenden demografischen Wandel geschuldet.

Der Synodale Werner Trick wies darauf hin, nicht voreilig langfristige Kürzungszahlen im Blick auf Pfarrdienstaufnahmen breit zu streuen. Dies könne bei allen guten Absichten nachhaltiger Planung die Wirkung haben, dass weniger Leute bereit werden, Theologie zu studieren. Und Ralf Albrecht sprach neben der Aufgabe, den Pfarrdienst mit jungen Leuten zusammen neu zu denken, von der biblischen Verheißung, dass nicht alles immer zurückgehe und weniger werde.

Schwerpunkttag Reformationsjubiläum

Winfried Kretschmann (Bild: EMH/Jens Schmitt)

„Rechtfertigung heute!“ Unter diesem Thema entfaltete Prof. Christoph Schwöbel (Tübingen) den derzeitigen gesellschaftlichen Rechtfertigungsdruck und die Übertribunalisierung und stellte dem gegenüber: zwischen Menschenwerk und Gotteswerk ist kategorial zu unterscheiden. Aus der Quelle der Bibel begründet sich: Gerechtigkeit Gottes ist die Gerechtigkeit, die uns Gott schenkt. Sie ist schöpferisch. Der Mensch trägt zur Gerechtigkeit nichts bei. Insofern finde der Mensch auch nicht seine Mitte in sich selbst, sondern außerhalb sich selbst – in Christus. Und darin hat die Mitte ihren Halt.

In seinem Grundsatzvortrag zur Aktualität der Rechtfertigungslehre sprach sich Ministerpräsident Winfried Kretschmann für die Anwendung der Rechtfertigung in unserer Gesellschaft im Blick auf die Freiheit aus. Der Staat habe die Aufgabe, Freiheit für verschiedenste Menschen und Anschauungen zu ermöglichen und sich für die Würde der Menschen einzusetzen, die sie sich nicht selbst geben können, sondern von Gott her bereits besitzen. Der Artikel von der Unantastbarkeit der Menschenwürde trage „Ewigkeitscharakter“. Diese Würde sei nicht an Marktwert, Nutzen oder Zugehörigkeit zu einem Volk zu messen – alle Menschen seien gleich. Deshalb sei auch für die Gleichheit von Lebensbedingungen und Chancen für Bildung etc. zu sorgen. Weil Rechtfertigung bedingungslos ist, ist und bleibt sie Vorbild für das Sozialsystem des Staates. Soziale Leistungen stehen allen Menschen gleichermaßen zu. Vision hierfür sei nur evtl. ein bedingungsloses Grundeinkommen, weil es nicht das Letztziel habe, in Arbeit zu bringen und so zu Isolation führe könne. Eine theologische Vision könne nicht einfach in die Niederungen der gesellschaftlichen Realität übertragen werden. Man könne nicht von jedem Menschen gottgleiche Großzügigkeit erwarten. Realistischer sei, Grundsicherungen zu garantieren. Ein Fehler sei es, anstatt einer „Ideenkultur“ aus Angst vor Fehlern eine „Fehlervermeidungskultur“ zu leben. Eine entscheidende Komponente der Rechtfertigung sah Kretschmann in dem Zuspruch: „Auch ein Ministerpräsident kann die Welt nicht retten. […] Auch wenn ich als Politiker scheitere, scheitere ich deshalb nicht als Mensch.“

In der Aussprache verwies der Ministerpräsident auf Nachfrage darauf, dass die Entscheidung des Bundestages zur Ehe keinerlei Folgen für die kirchlichen Rechtsordnungen haben müsse. Die Kirchen seien selbstverständlich ihren eigenen Normen verpflichtet. Dies garantiere das Grundgesetz.

Neue Aufbrüche

Matthias Hanßmann

Als LG stehen wir besonders für die Unterstützung neuer Aufbrüche und auch neuer Gemeindeformen. An mehreren Stellen spielte dieses Thema in dieser Synode eine Rolle. In Nachfolge der Projektstelle „Neue Aufbrüche“ wird es ein Anschlussprojekt „Innovatives Handeln und neue Aufbrüche“ geben – und eine entsprechende Projektstelle.

Ernüchterung entstand beim Bericht des OKR, dass es momentan nur zwei rechtlich verankerten „Personale Gemeinden“ gibt. Auch wurde in einem Bericht aus dem Rechtsausschuss die Frage, ob bei Umgemeindungen die Kirchensteuer auch denen folgt, die sich umgemeinden lassen, als rechtlich nicht möglich angesehen.

Matthias Hanßmann betonte den hohen Handlungsbedarf in unserer Kirche. Der bisher zur Verfügung gestellte Rechtsrahmen für neue Gemeindeinitiativen ist nicht ausreichend. Deswegen fordert die LG weiter tiefgreifende juristische Reformen, die neuen Gemeindebewegungen substanziell mit Rechten und Pflichten in unserer Kirche eine Beheimatung gibt.

Weiteres in Stichworten:

  • Ein klares Wort gegen Prostitution und Menschenhandel sprach die Synode insgesamt aus. So beschloss sie mit überwältigend großer Mehrheit: „Die Evangelische Landeskirche in Württemberg spricht sich deutlich gegen Prostitution, Menschenhandel und den damit verbundenen käuflichen Sex aus. Denn Prostitution verletzt die Menschenwürde.“ Franziska Stocker-Schwarz führte bei der Antragstellung aus: „Gerade aus theologischer Sicht ist es wichtig, die Menschenwürde der - in der Mehrzahl - betroffenen Frauen zu schützen. […] Der menschliche Körper darf nie zur Ware werden. Opfer von Menschenhandel und Gewalt sind zu schützen.“
  • Im Anschluss an den letzten Schwerpunkttag „Land in Sicht“ zu Kirche im ländlichen Raum brachte Andrea Bleher Anträge ein, die Anliegen aus den Beratungen des Tages aufnahmen. So zum Beispiel eine Stelle für Ehrenamtsförderung im Bereich seelsorgerlicher Begleitung von Pflegekräften in den Diakoniestationen und pflegbedürftiger Menschen, die in Zukunft länger zu Hause gepflegt werden sollen. Oder die Idee der Ausweitung des Projekts „PC im Pfarramt“ zur Vernetzung mit ehrenamtlichen Strukturen. Ebenso wurde beantragt, ein Konzept für die Feier von Gottesdiensten mit wenigen durch Ehrenamtliche zu entwickeln.

    Bleher resümierte: „Kirche hat Zukunft, auch in peripheren ländlichen Räumen – als eine Kirche mit sich veränderndem Gesicht und vermutlich im Einzelnen noch unbekannter Gestalt. Es handelt sich um ein im Kern missionarisches Geschehen, das mehr will als Bestandssicherung.“

  • Die Landessynode hat im Blick auf Glaubenskurse einen zusätzlichen Akzent gesetzt und somit dieses Arbeitsfeld der Kirche gestärkt: „Der Oberkirchenrat wird gebeten, ein Konzept zu erarbeiten, das die Vernetzung der Glaubenskurse mit anderen Angeboten und ihre Implementierung in der Region beschreibt und praktische Arbeitsfelder weiter erschließt“.

  • „Partnerschaft mit Afrika“ - anlässlich des G20-Gipfels diskutierte die Synode in einer „Aktuellen Stunde“ über die politischen Verhältnisse und die kirchlichen Perspektiven. Simon Hensel betonte für die „Lebendige Gemeinde“ die Wichtigkeit partnerschaftlicher Kontakte von Gemeinden. Es sei dringend kurzfristiger Hunger-Not zu begegnen. Und es müssten langfristig Menschen vor Ort partnerschaftlich begleitet werden, vor allem im Bereich Bildung und Selbsthilfe.

    Die Kirchen vor Ort in Afrika leisteten schon jetzt einen wichtigen Beitrag zur Aufbau- und Hilfearbeit, bemerkte Dieter Abrell. Staaten mit einem hohen Anteil an Christen hätten hier hohe Potentiale, denn sie könnten wirksam für konkrete Hilfen und gegen Korruption eintreten. Abrell: „Wir haben die Missio Dei erfahren – warum sollten wir sie nicht mit Afrika teilen? Wir selbst werden dabei Lernende sein.“ Und die Synodale Cornelia Aldinger rief auf: „Lasst uns für Afrika unsere Herzen und Häuser öffnen und lasst uns für Afrika beten.“

     

Bericht: Andrea Bleher / Ute Mayer / Ralf Albrecht